Die ersten beiden Teile der Musiktheater-Trilogie „Ökonomien des Handelns“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl, „KREDIT“ und „RECHT“, sind am 26. und 27. März 2015 im Rahmen von MaerzMusik – Festival für Zeitfragen 2015 zu sehen.

„KREDIT“ © Kötter/Seidl

Die Bankiers und Geldwechsler des Mittelalters benötigten für ihre Arbeit einen Tisch, und dieser Tisch bedeutete die Bühne für eine Materialisierung: die der Spekulation auf das Geschick eines Schuldners. Würde dieser in der Zukunft ökonomisch klug handeln, dann hätte der Bankier das Geld, das er verliehen hat, gut angelegt. Banco, so lautet das alte italienische Wort für Tisch; es hat sich in vielen Sprachen auf die Institute des Geldhandels übertragen: La banque im Französischen, banco im Spanischen, Bank im Deutschen und Englischen.

Auch in unserer Gegenwart, in der für das alltägliche Banking nur noch PIN und TAN, IBAN und BIC nötig sind, beschäftigt sich der Beruf der Bankerin und des Bankers mit einer Abfolge von Projektionen in die Zukunft: Wie werden sich die Märkte entwickeln? Wie werden sich meine Kunden darin bewähren? Treffen deren Voraussagen auf eine finanziell erfolgreiche Zukunft überhaupt zu? Dabei hat die Digitalisierung der Finanzwirtschaft den ohnehin abstrakten Begriff „Geld“ noch einmal auf der Ebene der Interaktion abstrahiert. Was noch nicht da ist, das lässt Menschen handeln. Die Erwartung steckt somit hinter dem Prinzip, das dem Geld auf dem Tisch einen gesteigerten Wert für die Zukunft zuschreibt.

„KREDIT“ © Kötter/Seidl

„Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwart“ lautet denn auch der Untertitel des Musiktheaters „KREDIT“ von Daniel Kötter und Hannes Seidl. In dieser Produktion – uraufgeführt 2013 beim steirischen herbst in Graz und Auftakt einer Trilogie unter dem Titel „Ökonomien des Handelns“ – beschäftigen sich der Filmemacher und Regisseur Kötter und der Komponist und Musiker Seidl mit dem Beruf des Bankers. Es geht ihnen um das Erfahrbarmachen eines komplexen Systems. Hannes Seidel: „In diesem System erwartet ein Player eine bestimmte Zukunft und schließt darauf eine Wette ab. Ein anderer Player aber erwartet eine andere Zukunft und wettet dementsprechend. Auf diesen unterschiedlichen Erwartungen basieren zum Beispiel Termingeschäfte.“

Nun kann die Erwartung selbst kaum künstlerisch formal dargestellt werden. Und so machen Daniel Kötter und Hannes Seidl in „KREDIT“ einen wesentlichen Charakterzug der Erwartung sicht- und hörbar: die Unsicherheit. Das Duo, das bereits seit 2008 zusammenarbeitet, erschafft in formal komplexen Verfahren eine leicht entzifferbare Formensprache: Gleich zu Beginn sehen wir Frankfurt am Main, die Bankenstadt, aus der Perspektive des umgebenden Hügellandes. Im Taunus zwitschern die Vögel, durch dichtes Grün und weichen Nebel zeichnet sich in der Ferne Deutschlands einzige Skyline ab. Als die Sinne sich empfänglich machen für dieses Idyll, stürzen Ton und Bild ab, fiese Störgeräusche untermalen einen schwarzen Bildschirm. Es folgen Aufnahmen aus einer Bank, Mitschnitte von Unterhaltungen unter Bankern, geistliche Musik.

Hannes Seidl und Daniel Kötter © Kötter/Seidl

Es ergibt sich jedoch keine Erzählung. Und auch sonst fehlen in „KREDIT“ ganz bewusst die Sicherheiten einer moralischen Urteilsebene. Es gibt keinen Fixpunkt, keine Figur, von der aus „KREDIT“ erzählt würde. Und es gibt kein Gegenüber: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Frankfurter Banken sind selbst die Akteure in diesem Stück, lassen sich von einer merkwürdig distanzierten Kamera bei ihrer Arbeit, in ihrem Alltag filmen. Geldprofis auf dem Weg in die Hochhäuser, am Schreibtisch oder auf einer Aktionärsversammlung. „Wir haben erst einmal Szenen gedreht“, sagt Hannes Seidl über den Produktionsprozess. „Unsere Ausgangsidee für das Stück war, Banker zu treffen, die in Bereichen arbeiten, in denen wir uns überhaupt nicht auskennen, zum Beispiel im Investment Banking oder in der Vermögensberatung oder im Bereich der Aktienanlage.“ Kötter und Seidl führten Interviews mit diesen Menschen und schufen so eine Grundlage für das Filmmaterial.

Auf der Bühne jedoch bleibt der Film stumm; die Tonspur wird in der Tradition des Stummfilms live realisiert. So erst kann das – laut Seidl „halbdokumentarische“ – Format eine noch einmal gesteigerte Distanz zum Gezeigten garantieren. Die Gespräche mit den Finanzexperten tauchen während der Aufführung immer wieder auf, schnipselweise, als Teil der Live-Montage. Ein Sprecher mixt auf der Bühne das Material aus den Interviews mit theoretischen Schriften, etwa Joseph Vogls „Das Gespenst des Kapitals“ oder Benjamin Franklins „Advise From An Old Tradesman To A Younger One“. Dazu singt der Chor der Deutschen Bundesbank Credos und Choräle. So entsteht jeden Abend aufs Neue das, was Kötter und Seidl ein „Stummfilm-Oratorium“ nennen.

„Das Problem unserer Gesellschaft besteht darin, dass wir ökonomische Analphabeten sind“, sagt Hannes Seidl. „KREDIT – Von der Erwartbarkeit zukünftiger Gegenwart“ ist aber nicht gedacht, das Publikum in Hinblick auf das Bankensystem zu alphabetisieren. Vielmehr könnte das Bühnenstück erfahrbar machen, wie sehr unser Bankensystem längst schon viel zu komplex geworden ist – für alle seine Player.

„RECHT“ © Kötter/Seidl

Auch in „RECHT“, dem zweiten Teil ihrer Trilogie „Ökonomien des Handelns“, beschäftigen sich Daniel Kötter und Hannes Seidl mit den Rahmenbedingungen gesellschaftlichen Handelns – und experimentieren dabei wieder mit verschiedenen Formen dokumentarischen Erzählens in den Medien Film und Musik. „RECHT“ behandelt die Frage, wie Raumordnungen und Grenzen die Rechtsordnung bedingen.

In einer experimentellen Anordnung arbeiten zwei Gruppen an der Schaffung von Regelsystemen: Im Film sieht man eine Gruppe von sechs Rechtswissenschaftlern und NGO-Mitarbeitern diskutieren, streiten, tanzen und feiern. Sie befinden sich auf einer Moselinsel im Niemandsland nahe des Städtchens Schengen in Luxemburg. Drei Jahrzehnte nach dem ersten Schengener Abkommen fragen sie sich, wie sich weltweit Gerechtigkeit durch Recht durchsetzen ließe. Ihr Auftrag: Ein neues, transnationales Recht zu erschaffen, das den Ansprüchen tradierter nationaler Rechtspraxis genügt und zugleich neue, globale Anforderungen berücksichtigt.

„RECHT“ © Kötter/Seidl

Diese außergewöhnliche Gelehrtenrepublik initiierten Kötter und Seidl im Spätsommer 2014 und begleiteten sie über 24 Stunden mit Kamera und Mikrofon. Bereits auf der Insel standen den Denkern Solisten des Ensembles Nadar als „Festkapelle“ und klangliche Konfrontation zur Seite. Live, auf der Bühne, arbeitet in Analogie zur Insel diese Gruppe von Musikern im Rahmen ihres eigenen Regelsystems, das zwischen Partitur, Improvisation, Leinwand und Konzertraum aufgespannt ist: Experimenteller Dokumentarfilm und Live-Konzert rücken zusammen, doppeln, begleiten und kommentieren sich gegenseitig und lassen territoriale Bedingungen von Recht und Musik im Zusammenspiel aller Ebenen zu einer konkreten Reflexion und Erfahrung über das komplexe Phänomen des Rechts werden.

Der Text ist zuerst in der MaerzMusik-Festivalbeilage zur taz am 14. März 2015 erschienen. Die komplette Beilage finden Sie auch hier.