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„Uncertain Places. Eine Nachtausstellung“ © Christopher Hewitt

Linda Huke (LH): In der Nachtausstellung im Untergeschoss des Hauses der Berliner Festspiele, für die die Besucher*innen nichts bezahlen mussten, stand die Person William Kentridges weniger im Vordergrund als in der Werkschau im Martin-Gropius-Bau.

Lisa-Marie Wollrab (LW): Die dort ausgestellten Videoarbeiten kreisen doch nur um seine Person. Er wird vielleicht weniger als künstlerisches Genie inszeniert.

LH: Aber auch als Popstar mit Unterhaltungswert?

LW: Ja. Sicher. Vielleicht nicht so glorifizierend im Hinblick auf seine Person? Das allererste Werk am Eingang zur „NO IT IS !“-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau ist das „Self portrait as a coffee pot“. Sofort werden die Besucher*innen auf einen Mangel verwiesen: Sie werden niemals diese riesigen Künstlerhände haben, die in dieser Collage die Bezugspunkte sind. Im nächsten Raum schaut man Kentridge – überlebensgroß – in seinen Trickfilm-Arbeiten beim Zaubern zu. Der dritte Raum bezieht sich auf das Künstleratelier als Ideenwerkstatt – wiederum werden die Betrachter*innen aber auf ihre rezipierende Rolle beschränkt. Und eine Teilhabe am Schaffensprozess ist in so einer Ausstellung ja auch gar nicht möglich.

Uncertain Future. Was wenn doch? Wie würde das aussehen? Dürften die Besucher*innen die Werke weiterentwickeln? Oder würde William Kentridge in den Ausstellungsräumen wohnen – beobachtet wie ein Tiger im Zoo? Wollen wir eine Demokratisierung des Kunstwerks? Müssen wir im Museum deutlich machen, dass wir alle in der Lage sind zu schaffen, zu kreieren?

LW: Das stand schon vor Jahrzehnten auf der Agenda der Fluxus-Künstler*innen. Und doch schauten wieder alle nur zu, wie Beuys mit einem Kojoten spielte oder einem toten Hasen die Bilder erklärte. Auch der Körper der Künstler*innen wurde sich bemächtigt, wie im Fall von „Rhythm 0“ (Abramović) und „Cut Piece“ (Yoko Ono).

LH: Sicher ist, dass sowohl im Martin-Gropius-Bau als auch bei der Nachtausstellung sowie in den „Drawing Lessons“ – den Performances – die Besucher*innen eine rein kontemplative Position einnehmen. Man berührt nichts. Man produziert nichts. Man rezipiert und konstituiert.

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„Uncertain Places. Eine Nachtausstellung“ © Christopher Hewitt

LW: Man blickt aber auch hinter die Kulissen des Festspielhauses. Man wird in den Keller geführt, bewegt sich an einen Ort, der oft nur im Verborgenen existiert. Man gehört zu einer ausgewählten Gruppe von Leuten, die zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort etwas gemeinsam erleben.

LH: Wie unterscheidet sich die Atmosphäre im Martin-Gropius-Bau? Wie kann dieser Ort ein Raum sein, in dem ganz grundsätzliche ästhetische, politische, künstlerische Positionen unserer Zeit verhandelt werden – und der gleichzeitig die Möglichkeit, dieses kritische Potenzial zu konsumieren, gegen Geld tauscht? Geld bezahlen die Menschen für etwas „Wichtiges“. Wird die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau im Umkehrschluss wichtiger, weil man Eintritt bezahlt?

Uncertain Future. Was wäre, wenn man die Kentridge-Ausstellungen nur im Tausch gegen etwas – Essen, Idee, Performance, Kleidung – besuchen dürfte? Wer würde dann noch kommen? Welchen „Wert“ hätte dann die Kunst?

LW: Ist diese Frage wirklich relevant? Schreiben die Besucher*innen den Werken nicht sowieso immer einen persönlichen Wert zu – unabhängig von den Ausstellungsbedingungen? Natürlich beeinflusst das Display die Rezeption von Kunstwerken. Aber wird nicht auch gerade durch die unterschiedlichen Ausstellungsorte den unterschiedlichsten Interpretationen Raum gegeben? Auch im Martin-Gropius-Bau tritt Kentridges Person in den letzten Räumen ja hinter die Werke zurück.

LH: Müsste also von einem unglaublich vielfältigen Bündel an Stimmen die Rede sein, die bei „NO IT IS !“ und Foreign Affairs aus Kentridges Arbeiten sprechen? Welche interpretativen Ausgänge lässt „NO IT IS !“ offen? In der Nachtausstellung ist man verunsichert, wo man eigentlich hin soll. Welche Räume es gibt, in welche Richtung es geht, was da noch kommt.

LW: Die Videos sind an sehr unkonventionellen Stellen platziert. Ein Heizraum, ein geöffneter Schrank, ein spärlich beleuchteter Korridor …

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„Uncertain Places. Eine Nachtausstellung“ © Christopher Hewitt

LH: Im Martin-Gropius-Bau gibt es eine viel klarere Führung. Man geht eben immer von einem in den nächsten Raum und jeder Raum hat ein Thema. Ganz sicher bieten uns die Berliner Festspiele hier ein sehr spezielles Werk-Vermittlungs-Konzept. Parallel zwei große Ausstellungen zu zeigen und dazu die Performances – nicht als Begleit-, sondern gewissermaßen als Hauptprogramm. Eigentlich entzieht sich das vom Konzept her der Konstruktion einer singulären Künstleridentität.

LW: Und das setzt sich in den Performances fort. Es gibt einen seriellen Charakter, aber das Format von „Refuse the Hour“ unterscheidet sich eigentlich von den „Drawing Lessons“, die als Vorlesungen angelegt sind. Dort performt Kentridge zusammen mit einer weißen Sängerin und einer schwarzen Tänzerin.

LH: Nimmt Kentridge Bezug auf unterschiedliche Hautfarben? Wissen wir, was „weiß sein“ für ihn bedeutet? Ich habe einige Stimmen gehört, die sagten, Kentridge setze sich für die schwarze Community ein, würde für eine sogenannte „Minderheit“ sprechen, die sonst kein Forum bekommt. Aber genau das maßt er sich meiner Meinung nach eben nicht an. Doch anscheinend haben einige Rezipient*innen da eine gewisse Erwartungshaltung – eben weil er aus Südafrika kommt. Doch geht das wirklich aus seinen Werken hervor? Wird von Künstler*innen, die aus Europa oder Nordamerika kommen, auch erwartet, über ihre Werke politisch Stellung zu nehmen?

LW: Aber „weißer“ oder „schwarzer“ Hautfarbe zu sein, so konstruiert das auch sein mag, macht überall auf der Welt, aber vor allem auch in Südafrika eben immer noch einen großen Unterschied. Und in Kentridges Werk lassen sich auch Spuren finden, die darauf Bezug nehmen: Er malt und druckt mit schwarz und weiß. Und er bindet sich ganz prominent als handelndes Subjekt in seine Arbeiten mit ein. Aber auch wenn man feststellt: Er ist der weiße, männliche Künstler aus Südafrika – wo führt das hin? Begriffe wie White Supremacy greifen in Bezug auf ihn trotzdem nicht. Er lässt vieles im Unklaren – im Unbestimmten. Plakative politische Äußerungen sucht man bei ihm vergeblich. Das Publikum wird auf sich selbst zurückgeworfen: Was weiß ich überhaupt über die gesellschaftliche Realität in Südafrika? Wie sehe ich das?

LH: Das ist erst einmal verstörend. Deshalb wird bei Beschreibungen seiner Werke immer seine Biografie herangezogen. Aber haben seine Eltern, die Anwält*innen waren, notwendigerweise etwas mit seinen Inspirationen zu tun? Die Musik von George Méliès, Druckgrafiken von Dürer, Platons Höhlengleichnis … das sind künstlerisch strategische Entscheidungen, auf den westlichen Kunstdiskurs zu referieren. Aber sind es deshalb auch politische Entscheidungen?

LW: Auch das bleibt im Ungewissen. Denn welche Details, Inspirationen, Bruchstücke nichtwestlicher Kultur entgehen uns als Publikum hier in Berlin denn, weil wir sie nicht verstehen und nicht wahrnehmen können? Und überhaupt: Wie ist er denn aufgewachsen? Als Teil einer privilegierten weißen Oberschicht? Vermutlich. Aber war er Teil einer Minderheit? Ist die europäische Kultur der ersten Kolonialsiedler bis in heutige Generationen weitergetragen worden? Trägt er ein weißes oder ein schwarzes Erbe? Homi Bhabha sprach von Mimikry und Ambivalenz: „in order to be effective, mimicry must continually produce its slippage, its excess, its difference. The Other is a subject of difference that is almost the same,  – but not quite.“

LH: Diese Ambivalenz steht paradigmatisch für alles, was wir von William Kentridge gesehen haben.

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Linda Huke studiert Kunstgeschichte an der Freien Universität zu Berlin. Sie schreibt und verkleidet sich manchmal. Außerdem spricht sie gebrochen Arabisch.

Lisa-Marie Wollrab studiert ebenfalls Kunstgeschichte an der Freien Universität zu Berlin. Sie hat in Israel und Ägypten gelebt und befasst sich seitdem am liebsten mit zeitgenössischer, politisch motivierter Kunst und Postkolonialismustheorie.

Linda Huke und Lisa-Marie Wollrab haben am studentischen Programm der Foreign Affairs, den Student Affairs, vom 7.  bis 10. Juli 2016 der Berliner Festspiele teilgenommen. Ihr Gespräch bezieht sich auf den Festivalschwerpunkt William Kentridge und die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.