Aleida Assmann © privat

„Komme, was kommen mag: Die Stund und Zeit durchläuft den rauhsten Tag.“ Mit dieser Einsicht wappnet sich Shakespeares Macbeth vor dem, was ihm an Schlimmem bevorsteht. Mit der Angleichung an das mechanische Gleichmaß einer homogenen, leeren Zeit hofft er seine Gefühle zu betäuben. Dieses sture Gleichmaß der Stunden und Minuten unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von der Zeit menschlichen Erlebens. Wir brauchen zwar beständig den kontrollierenden Blick auf die Uhr, um uns in der Zeit zu orientieren, aber wir gehen nur in Ausnahmesituationen wirklich mit der Bewegung der Zeiger mit und dann meist nur kurz, wenn wir zum Beispiel Eier kochen, in einem Wartezimmer sitzen, die Nachspielzeit eines Fußballspiels erleben oder in der Silvesternacht den Umschlag zum neuen Jahr erwarten. Obwohl die Minuten und Stunden durch unser Leben ticken, ist es nicht mechanisch von ihnen getaktet. Menschliche Erlebniszeit verläuft nicht chronologisch, sondern bündelt und verdichtet sich in a-chronischen Gegenwarten, die unsere Aufmerksamkeit jeweils ganz in Anspruch nehmen und dabei – das ist entscheidend – den Takt der Stunden und Minuten gänzlich vergessen lassen. Die wichtige Frage ist deshalb: wer oder was setzt das Maß für die a-chronische Dauer solcher Gegenwart, die uns, ob kurz oder lang, ganz ausfüllt und vom Joch der leeren Zeit befreit?

1. Gegenwart als Jetztpunkt

Die Zeit, die im Bilde gesprochen als ‚Pfeil’ irreversibel durch die Luft fliegt oder als Strom dahinfließt, lässt eigentlich kaum Gegenwart zu. Diese ununterbrochene, gleichförmige und abstrakte Bewegung ermöglicht exakte Messungen, aber keine Gegenwart. In diesem Vorstellungsbild reduziert sich Gegenwart auf einen ausdehnungslosen Jetztpunkt, der nichts anderes ist als der Umschlag von Zukunft in Vergangenheit. Mit jedem Ticken der Uhr verschiebt der Zeiger auch die Gegenwart auf dem Zifferblatt. Dieses zugeteilte Maß an Zeit, das auf der Fingerkuppe des Augenblicks Platz hat, ist im Moment der Gegenwart schon wieder zerronnen. Dieser Jetztpunkt der Gegenwart ist deshalb nichts als ein Übergang, und so hat ihn Baudelaire auch in einem berühmten Aufsatz beschrieben: als flüchtig, zufällig, vorübergehend. An ihm bleibt nichts hängen, auf ihm kann nichts aufbauen. In der Aufgabe, sich auf diese abstrakte Zeitbewegung einzulassen, bestand für Baudelaire der Inbegriff der Erfahrung der Moderne. Menschen sind von ihrer sinnlichen Ausstattung her nicht für diese moderne Zeit gemacht. Im Jetztpunkt können sie nicht leben; sie dehnen ihn deshalb aus durch rücklaufende Erinnerung und vorlaufende Erwartung, um Platz zu schaffen fürs Erleben, Erzählen, Denken, Existieren. Die Zeit der Moderne ist nicht anthropomorph. Die Forderung, sich an den abstrakten Zeitfluss anpassen zu müssen, wird heute anders als zur Zeit von Baudelaire als Stress und Zumutung erfahren und unter dem Stichwort der Beschleunigung beklagt. Beschleunigung soll durch Entschleunigung kompensiert werden, um die Gegenwart wieder näher in die Reichweite des menschlichen Erlebens zu rücken.

2. Gegenwart als Handlungszeit

Der Gegenpol zum modernen Zeiterleben der Anpassung an den abstrakten, messbaren Zeitfluss ist die archaische Erfahrung die Handlungszeit. Zeit ist gefüllt mit menschlichem Handeln und bezieht ihren Rhythmus aus diesen Tätigkeiten. Zeit setzt sich aus diesen Tätigkeiten zusammen; ihre Vielfalt und Verschiedenheit macht das Patchwork der Zeit aus. Das hat keiner prägnanter zusammengefasst als der Prediger Salomonis:

„Ein jegliches Ding hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit.“[1]

Auch unsere Gegenwart strukturiert sich weitgehend als eine Kette von Handlungsabläufen: die Zeit des Duschens, des Morgenkaffees, der Busfahrt, der Zigarette, der Sitzung, des Gesprächs, des Abendessens, des Kartenspiels, der Weinflasche – der Tag addiert sich zu einer Abfolge von Gegenwarten, deren Länge sich nach den in ihnen vollzogenen Handlungen bemisst und aus ihnen zusammensetzt. Zeit ist Handlung und Handlung ist Zeit – so kommen wir durch die Zeit von einer Gegenwart zur anderen. Solange die Handlung währt, solange dauert die Gegenwart; ist sie vorbei, rüstet man sich für die nächste. Da die meisten dieser Handlungen Wiederholungen von Handlungen mit einem festen Ablaufschema sind, bringt die Zeit nur neue Variationen von bereits Bekanntem und daher Vorhersehbaren.

3. Gegenwart als erfüllte Zeit

Die Erfahrung von der Gegenwart als einer kostbaren, erfüllten Zeit hebt sich ab von diesem Wiederholungsschema. Sie beruht auf einer modernen Unterscheidung zwischen leerer und erfüllter Zeit, die auf Tolstoi zurückgeht. Als dieser einmal Staub wischte, machte er eine erstaunliche Entdeckung. Nachdem er eine Weile gewischt hatte, wusste er plötzlich nicht mehr, ob er einen bestimmten Teil des Zimmers schon gewischt hatte oder nicht. Weil er ganz offensichtlich in Gedanken versunken war und seine Aufmerksamkeit von der trivialen Tätigkeit abgezogen hatte, konnte er sich an seine soeben vollzogene Tätigkeit schon nicht mehr erinnern. Dieses triviale Problem traf Tolstoi mit der Wucht einer tragischen Einsicht: Wenn man keine Erinnerung die soeben gelebte Gegenwart mehr zurückholen kann, dann ist sie ausgewischt, schlimmer noch: als wäre sie nie gewesen. Das nicht bewusst erlebte Leben war für Tolstoi gleichbedeutend mit dem nicht gelebten Leben. Zu einer ähnlichen Einschätzung kam Virginia Woolf, die zwischen moments of being und moments of non-being unterschied. Die größte Zeit unseres Lebens, so entdeckte sie, vergeht im Leerlauf der Zeit und im damit verbundenen Zustand des non-being. Davon heben sich die kostbaren Momente erlebter Gegenwart umso leuchtender ab, aber sie bleiben „eingebettet in eine Art unbestimmbare Watte.“[2] Wie Tolstoi beschäftigt auch Woolf diese Watte der verfehlten, nicht gelebten Gegenwart: „Man geht, isst, sieht Dinge, kümmert sich um das, was zu tun ist: den kaputten Staubsauger (!), die Anweisungen fürs Dinner, schriftliche Anweisungen für Mabel, waschen, Essen kochen, buchbinden.“ Der Tag setzt sich aus lauter Gegenwarten zusammen, die mit Handlungszeit gefüllt sind, aber daraus entsteht noch keine erfüllte Gegenwart. Im Gegenteil scheint das Patchwork dieser Gegenwarten die emphatische Gegenwart geradezu auszuschließen. Ähnliches schrieb der russische Kunsttheoretiker Viktor Šklovskij 1916 in einem berühmten Aufsatz, in dem er den negativen Einfluss der Automatisierung auf die Wahrnehmung untersuchte: „So geht das Leben dahin, wird zum Nichts. Die Automatisation verschlingt alles, die Dinge, die Kleider, die Möbel, die Frau und die Angst vor dem Krieg.“[3] Durch Ent-Automatisierung, d.h. künstlerische Verfremdungseffekte kann Aufmerksamkeit neu stimuliert und durch Komplizierung der Form kann die Wahrnehmung verlängert werden. Genau das ist die Aufgabe der Kunst: Gegenwart wiederherzustellen und zu verlängern.  Auch Woolfs moments of being entstehen aus der Offenheit und Rezeptivität für alles, was die Wiederholungsroutinen unterbricht: die Plötzlichkeit von Überraschungen, Zufällen, Begegnungen. James Joyce sprach von ‚Epiphanien’, von intensiven Augenblicken, die zugleich unverhoffte Durchblicke sind, weil sich in ihnen ein Fenster auf eine neue Sicht des Lebens und einen unvermuteten Sinn der Welt öffnet.

Die Intensität erfüllter Gegenwart wird heute auch als ‚Präsenz’ bezeichnet. Damit verschiebt sich ihre Qualität von einem ästhetischen oder mystischen Erlebnis zu einer ganzheitlichen Empfindung, die die leidige Grenze zwischen Köper und Bewusstsein auflöst. ‚Präsenz’ steht für den rauschhaften Zustand einer vollständigen Auslieferung an die Gegenwart, der zugleich ein luzides Wachsein einschließt. Diese erfüllte Gegenwart kann nur dort erlebt werden, wo sich die Pforten zur Vergangenheit und Zukunft vollständig verschließen und sich das Sein allein im Hier und Jetzt erleben und feiern kann. Der Präsenztheoretiker Hans Ulrich Gumbrecht verweist auf den Zuschauersport und die Arena des Stadions, in dem die Verzauberung einer solchen Gegenwart zu einem kollektiven Erlebnis wird.[4]

4. Gegenwart als geformte Zeit

Es gibt Gegenwarten, in die wir nicht durch Handeln eintreten, sondern durch das Unterbrechen von Handlungen. Die Voraussetzung für diese Gegenwart ist die Stillstellung unserer Arme und Beine, alle Bewegung und Tätigkeit zieht sich in unseren Kopf zurück. Wir treten rezeptiv in eine andere Gegenwart ein, die andere für uns mit dem Mittel der Zeichen vorbereitet und geformt haben. Das sind Texte, Kompositionen, Theaterstücke, Filme und andere Aufführungen, die ihren eigenen Rhythmus und einen klar vorgegebenen zeitlichen Rahmen haben. Dieser Rahmen definiert die Gegenwart, in die wir einsteigen und die wir in diesen Zeitkünsten synchron miterleben. Trotz der auch durch diese Kompositionen hindurchfließenden Zeit kann man mit Fug von einer verlängerten Gegenwart sprechen, weil hier zusätzlich eine werkimmanente Struktur aufgebaut wird, die Anfang und Ende über eine Mitte hinweg zusammenschließt. Die Gegenwart dauert in diesem Fall so lange wie der Mitvollzug der Leser, Hörer und Betrachter, der an das Format, die Choreografie der Zeichen, die Erzählung und die Vorführung gebunden ist. Wichtig für die Herstellung dieser Gegenwart sind dabei insbesondere die Signale, die den Rahmen der Vorführung markieren und eine Zeitstrecke aus dem übergeordneten abstrakten Zeitfluss herausschneiden: der Vorhang, der sich auf der Bühne öffnet und schließt, Vorspann und Abspann im Film, Ouvertüre und Finale in der Oper. Anders als die übergeordnete Lebenszeit ist die in diesem Rahmen ablaufende Zeit durch Gattungskonventionen und deren individuelle Ausformung künstlerisch geformt.  Die andere Gegenwart, in die wir auf diese Weise eintreten, indem wir unsere eigene Gegenwart durch Stillstellung, Negierung, Ablenkung, Umperspektivierung zurücklassen, erstreckt sich über den künstlich hergestellten Zusammenhang von Anfang, Mitte und Ende. Diese Trias ist im Wort- bzw. Buchstabensinne das A und O künstlerischer Formung, Dehnung und Schließung von Zeit. Der klar definierte Ausstieg rundet im Rückblick die erlebte Zeitstrecke zu einer Gesamtschau, was in der gelebten Zeit in dieser Weise niemals möglich ist. Hier gibt es zwar zeitliche Trennhilfen für den Übergang von Gegenwart in Vergangenheit wie den Wechsel von Tag und Nacht, den Rhythmus von Wochen und Jahren sowie Unterbrechungen durch ‚einschneidende’ Erfahrungen und Veränderungen, aber kaum je das Verfahren der Schließung, das der künstlerischen (und rituellen) Formung vorbehalten ist.

5. Gegenwart als fokussierte Zeit

Die künstlerisch geformte Gegenwart hängt eng mit einer weiteren Form von Gegenwart zusammen. Diese entsteht durch die Aufmerksamkeitsspanne, die wir bereit sind, einer Sache zu widmen. Wir sind davon ausgegangen, dass die künstlerisch geformte Zeit unsere Aufmerksamkeit vollständig in Anspruch nimmt. Das ist aber nicht immer der Fall. Die Gegenwart der geformten Zeit kann durch Ablenkung und Unaufmerksamkeit jederzeit wieder unterbrochen werden. Wenn man als Leser, Zuhörer oder Zuschauer seinen Aufmerksamkeitsanteil nicht kooperativ beisteuert, ist alle Kunst der Illusion, des Hineinziehens in die andere Gegenwart vergeblich. Voraussetzung für diese ist deshalb nicht nur ein fiktionaler Vertrag, der festsetzt, dass man sich ohne Vorbehalt auf die Gesetze des Werks einstellt, sondern auch ein Aufmerksamkeitspakt, der ungeteilte Zuwendung, Hingabe und Mitvollzug sicherstellt.

Die Gegenwart, die nach der Aufmerksamkeitsspanne bemessen wird, erstreckt sich auch auf alle Ereignisse unserer Umwelt, die uns in direkter oder vermittelter Form erreichbar sind. Auslöser sind deshalb nicht nur kompakte und klar herausgehobene Angebote künstlerisch geformter Zeit, sondern kann im Prinzip alles sein, was unseren Sinnen begegnet und unser Aufmerken anstößt: Menschen und Tiere, Landschaften, Zeichen und Zufälle. „Wo Andere weitergehen, dort bleibe ich stehen“ hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein einmal von sich gesagt.[5] Das Stehenbleiben (!) und Nachdenken eröffnet eine neue Gegenwart, für die man jederzeit im eigenen Kopf eine Bühne eröffnen kann. Das fokussierende Scharfstellen der Aufmerksamkeit und, nicht weniger wichtig, das ruhige, kontinuierliche Betrachten ist allerdings eine Fähigkeit, die eingeübt sein will. 17 Sekunden verweilt ein Besucher durchschnittlich in einem Museen vor einem Bild, weshalb man diese Form der Kontemplation auch als ein ‚Weglaufen von Bildern’ beschrieben hat. Um die Besucher zu fesseln, werden sie mit Audioguides ausgerüstet, was ihre Gegenwart vor dem Bild deutlich verlängert. Die Aufmerksamkeitsspanne, gerade wenn sie nicht durch künstliche Effekte gestützt und verlängert wird, ist heute, wie manche meinen, zur Achillesferse unserer Kultur geworden. Das Weglaufen von Bildern, Tönen, Worten und Informationen insgesamt ist zu einer Massenbewegung geworden. Es ist nur die andere Seite des Stroms von Bildern, Tönen, Worten und Informationen, die uns täglich begegnen. Auf Knopfdruck sind wir im Einzugsbereich einer Flut von Nachrichten, die unter Konkurrenzdruck um unsere knappe Ressource Aufmerksamkeit buhlen. Dieser Wettbewerb ist heute im Internet besonders radikal ausgeprägt. Die Videos zum Beispiel, die auf YouTube hochgeladen sind, sind nicht nur mit einem Titel, sondern vor allem auch mit einem Timecode versehen. Was über 5 Minuten dauert, hat eine sehr viel geringere Chance, betrachtet zu werden. Im Internet heißt es nicht: „Wo Andre weitergehen, dort bleibe ich stehen“, sondern eher: „Wo andere hingegangen sind, da will ich auch hin.“ Die Gegenwart im Internet ist demnach im Fünf-Minuten-Rhythmus getaktet. Diese Zeitspanne ist allerdings nicht zu verwechseln mit der Verweildauer im Internet. Diese kann sich leicht auf fünf und mehr Stunden ausdehnen, doch ist diese Zeit durchschossen mit Suchaktionen und Wartezeiten, Unterbrechungen, Vergeblichkeiten, zerstreuten Klicks und eher begleitet von einem kontrollierenden Seitenblick als von vollständiger Hingabe.

6. Gegenwart als Orientierungs- und Geltungsraum

Springen wir vom Internet zu dem Ort, an dem der jährlich in einem Festakt der Büchnerpreis an einen eminenten Autoren verliehen wird. Im Jahre 1967 erhielt Heinrich Böll diese Ehrung und hielt die damit verbundene Rede. Sie hatte den Titel: „Büchners Gegenwärtigkeit“.  Böll betonte: „Die Unruhe, die Büchner stiftet, ist von überraschender Gegenwärtigkeit, sie ist da, anwesend hier im Saal. Über fünf Geschlechter hinweg springt sie einem entgegen.“ Gegenwart kann also sehr viel länger dauern als die erfüllt Zeit im Hier und Heute und sich über Jahre und sogar Jahrhunderte erstrecken. Böll entdeckte in seiner Rede die Zeitgenossenschaft zwischen dem Romantiker Büchner und der aktuellen Jugendprotestbewegung in der westdeutschen Nachkriegszeit. Diese Gegenwart entsteht performativ durch reklamierte und proklamierte Zeitgenossenschaft, durch ein Herbeizitieren des zeitlich Fernen, zu dem eine innere Wert- und Geistesverwandtschaft entdeckt und bestätigt wird. Das missing link, das die Zeitgenossenschaft zwischen Büchner und der Protestbewegung herstellte, hießt damals gegenwartsspezifisch Karl Marx: „Es wäre da eine von der Geschichte versäumte Begegnung zweier Deutscher zu beklagen. Die Begegnung zwischen Büchner und dem wenige Jahre jüngeren Marx. Die kraftvolle, so volkstümliche wie materialgerechte Sprache des Hessischen Landboten ist zweifellos eine ebenso wirkungsvolle politische Schrift wie das Kommunistische Manifest.“ Büchner wurde in dieser Rede aus der Vergangenheit, in die jeder Autor wieder zurückzufallen droht, durch die zeitgemäße Verbindung mit Marx in die Aktualität der Gegenwart zurückgerufen. Gleichzeitig hat Böll in seiner Rede einen Teil der damaligen Gegenwart abgeschlossen und in Richtung Vergangenheit verabschiedet. Er sprach voller Ironie und Aversion von einer „großen Beerdigung“. Wer hier zu Grabe getragen wurde, wurde nicht gesagt; im Rahmen von politischer Gegenwart und mitwissender Zeitgenossenschaft war das auch gar nicht nötig. Wir dagegen müssen unser Google-Gedächtnis bemühen, um festzustellen, dass am 25. April 1967 Konrad Adenauer in einem aufwendigen Staats-Akt im Kölner Dom unter Anwesenheit internationaler Prominenz zu Grabe getragen wurde. Während Böll das Ende der Gegenwart der Adenauer-Ära markierte, stellte er gleichzeitig selektiv die Zeitgenossenschaft mit einem fernen Geistesverwandten her.  Diese Gegenwart steht für einen normativen Raum der Geltung und Orientierung. Sie stellt eine Wertegemeinschaft her, die performativ über fünf und mehr Geschlechter hinweg beschworen wird und zur Selbstverständigung und Selbstlegitimierung eigener Überzeugungen  und Zielsetzungen dient.

7. Gegenwart als uferlose Gleichzeitigkeit

Der Präsenztheoretiker Gumbrecht ist auch der Theoretiker der Gleichzeitigkeit. Während Präsenz jedoch etwas Großartiges und Wünschenswertes ist, ist die uferlose Gleichzeitigkeit, die er als Merkmal unserer Zeit diagnostiziert, etwas eindeutig Schlechtes. In seinem Buch „Unsere breite Gegenwart“ vertritt er die These, dass wir uns von früheren Zeiten darin unterscheiden, dass uns der Weg in die Zukunft auf der einen Seite verschlossen ist, während die Schleuse zur Vergangenheit auf der anderen Seite weit offen steht.  Auf diese Weise strömen alle möglichen Vergangenheiten in unsere Gegenwart, die sich damit beständig erweitert und verbreitert hat. Das Unheilsbild von der Flut der Vergangenheit, die die Gegenwart überschwemmt, stammt von Nietzsche: die Ausdeutung dieses Bildes betrifft jedoch unsere Gegenwart. Denn, so wird argumentiert, es sind die allerneuesten Medien, die inzwischen so viel Vergangenheit speichern können und abrufbar halten, dass vom Hier und Jetzt aus auf jede beliebige Vergangenheit zugegriffen werden kann. Als weiterer sinnfälliger Beweis für die These werden Museen, Denkmäler und Gedenkstätten angeführt, die sich in der Gegenwart breit machen um Platz zu schaffen für immer weitere Vergangenheiten.  Die Gleichzeitigkeit der breiten Gegenwart zerstöre deshalb auch die spirituellen Zeitgenossenschaften, weil diese heimlichen Allianzen einem beliebigen Einerlei gewichen seien.

Zusammenfassung

Grundsätzlich gilt, dass Gegenwart, das Hier und Jetzt und Heute der einzige Ort ist, an dem gelebt und erlebt wird und von dem aus gehandelt werden kann.  Es ist und bleibt der privilegierte Ort der Lebenden. Gegenwart ist dabei die bewegliche und spannungsvolle Positionierung in der Zeit zwischen dem, was war, und dem, was noch nicht ist. Gegenwart ist darüber hinaus auch eine Erfahrung, deren Intensität steigerbar ist. Die Gegenwart, um auf unsere Ausgangsfrage zurückzukommen, dauert deutlich länger als der abstrakte und nicht erlebbare Kippmoment des Jetztpunktes, an dem die Zukunft in Vergangenheit umschlägt. Meist dauert die Gegenwart so lange wie die Handlungen, die wir gerade verrichten, aber diese Handlungen addieren sich, wie Virginia Woolf gezeigt hat, nicht unbedingt zu einer gesteigerten, gefühlten Gegenwart. Dazu bedarf es des Herausgehobenwerdens aus der nivellierenden Watte des Trivialen und Alltäglichen.  Ein solch herausgehobener Zustand verdient das Prädikat der ‚Präsenz’, wenn es gelingt, dass wir uns in aktiv-passivem Mitschwingen ganz dem Vollzug eines künstlerischen oder sportlichen Ereignisses überlassen. Dieses dauert genau so lange wie die Spannungskurve der künstlerisch geformten Gegenwart, die uns in Atem und Erregung erhält. Jenseits dieser vorgegebenen Spannungskurve medialer oder lokaler Inszenierungen wird die Dauer der Gegenwart durch den eigenen aktiven Anteil fokussierter Aufmerksamkeit bestimmt. Wenn wir auf das Problem der Aufmerksamkeit zu sprechen kommen, ist meist zugleich von Gegenwartsschrumpfung und Beschleunigung die Rede. Aus dieser Falle können wir uns dadurch befreien, dass wir nicht mehr hypnotisch auf ein immer schneller laufendes Metronom starren, sondern einsehen, dass Gegenwart nicht nur an die Dehnung von Zeit gebunden ist, sondern auch durch die Verknüpfung von Zeiten hergestellt werden kann. Solche selbstbestimmte Gegenwart entsteht durch reklamierte Zeitgenossenschaft, die eine Brücke schlägt aus der Vergangenheit in die Jetztzeit. Die breite Gegenwart, die die Vergangenheit vollständig in sich aufgenommen hat, ist dagegen eine Chimäre. Die Tatsache, dass immer mehr gespeichert, gesammelt und abgerufen werden kann, hat gewiss zu einer Vervielfältigung und Demokratisierung der Zugänge zur Vergangenheit geführt, aber nicht zu einer totalen Überspülung der Gegenwart durch die Vergangenheit. Denn um überhaupt etwas gegenwärtig zu halten, bedarf es beträchtlicher Energien von Aufmerksamkeit und großer kultureller Anstrengungen. Was nicht ausgewählt, bewertet, hervorgehoben, reklamiert und re-präsentiert wird, fällt von selbst immer wieder in den Zustand der Latenz, des Vergessens und der uns reichlich umgebenden Watte zurück.

Fußnoten

[1]  Prediger, 3, 1, 3-5.

[2]  Virginia Woolf, Augenblicke des Daseins. Autobiographische Skizzen, aus dem Engl. von Brigitte Walitzek, Fischer 2012.

[3]  Viktor Sklovskij, Kunst als Verfahren 1916; in: Theorie der Prosa, 1966, 12-14.

[4] Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart, Frankfurt: Suhrkamp 2010, 78-93.

[5]  Ludwig Wittgenstein, Werkausgabe, Band 8, 543.

Dieser Text entstand 2012 für das Theatertreffen-Magazin der Berliner Festspiele. Aleida Assmann nimmt während MaerzMusik – Festival für Zeitfragen teil an dem Symposium „Thinking Together – The Politics of Time“ und hält am 20. 3. 2015 um 13:00 Uhr einen Vortrag zum Thema „Is Time Out of Joint? Rise and Fall of the Time Regime of Modernity“ (Eintritt frei).