Am 28. November 2015 starb der Schweizer Theaterregisseur Luc Bondy, mit 67 Jahren. In vier Jahrzehnten war Luc Bondy mit insgesamt 13 Inszenierungen beim Theatertreffen zu Gast. Zu seinem Gedenken haben wir unser Archiv durchstöbert und Jury-Statements zu allen 13 Inszenierungen zusammengetragen. Reisen Sie mit uns rückwärts durch die Theatergeschichte, auf den Spuren des großen Theatermannes Luc Bondy, an den wir ehrend erinnern.

Luc Bondy bei der Verleihung des Nestroy-Theaterpreises, 2013 © CC-BY SA 3.0, Foto: Manfred Werner

2001 – „Die Möwe“ von Anton Tschechow (Burgtheater Wien)

„Luc Bondy hat mit seinen Schauspielern ein so reiches, vollkommenes unvollkommenes Stück Leben geschaffen, dass, auch wenn man fast alle Schauspieler lange kennt, von vielen Aufführungen, sie hier neu sieht, nicht in Rollen, als Menschen. Souverän haben Regisseur und Ensemble dem Leben der Figuren nachgeforscht, sie entfaltet, ihren ganzen Reichtum zum Blühen gebracht, mit schwereloser Leichtigkeit. Und plötzlich weiß man, wie der junge, unglückliche Konstantin am Ende: nicht neue Formen machen neues Theater, neue Literatur, von innen erneuert sich die Kunst, aus der Seele muss es strömen.“ (Ulrike Kahle)

2001 – „Drei Mal Leben“ von Yasmina Reza (Burgtheater Wien)

„Die Einladung wäre ein krachendes Beispiel für bürgerliches Lachtheater – gäbe es da nicht ein weiteres, ein herzenskluges Gastgeber-Paar: Yasmina Reza, die Autorin, und Luc Bondy, den Regisseur. […] Worte bauen Welten: ‚Drei Mal Leben‘. Und weil sie einander zuhören – der Regisseur der Autorin und die vier hervorragenden Schauspieler ihren Figuren – beginnt diese Versuchsanordnung zu leben. Und wie!“ (Christine Richard)

1999 – „Figaro läßt sich scheiden“ von Ödön von Horváth (Theater in der Josefstadt, Wien)

„Ein Wunschtraumspiel, was sonst. Wenn das Herz so ein klein wenig zuckt, schmerzlich oder freudig überrascht, dann hat Luc Bondy dran gerührt. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Eben richtig. Eben genug, damit ein aufgeklärtes Publikum noch dran glauben kann, das ansonsten jede psychologische Finte durchschaut.“ (Christine Richard)

1992 – „Schlußchor“ von Botho Strauß (Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)

„Luc Bondys Inszenierung zeichnet sich durch eine niemals platte Theaterwirksamkeit aus, der es keinesfalls um den puren Effekt geht, sondern um die Versinnlichung des Gemeinten. Will sagen: Unter seinen Händen decodiert sich ‚Schlußchor‘ als assoziatives Sinnspiel über deutsches Bewußtsein, das Kaiserzeit, Faschismus und Nachkrieg ins Gedächtnis ruft, um die historische Stunde des 9. November 89 in all ihrer widerspruchgeladenen Bedeutsamkeit zu erfassen.“ (Dieter Kranz)

1991 – „Das Wintermärchen“ von William Shakespeare (Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)

„Ein Mensch zerstört seine Liebe, sein Lebensglück in wenigen Minuten des Mutwillens – die sich in Luc Bondys Inszenierung des ‚Wintermärchens‘ wie unter einer riesigen Zeitlupe zu einem mählichen Alp zerdehnen und zugleich verdichten. Auf Erich Wonders abschüssiger, abgründig offener Bühne entwickelt Bondy zusammen mit Hand Christian Rudolph (Leontes), Corinna Kirchhoff (Hermione) und Michael König (Polixenes) eine unaufdringlich bedrängende Choreographie des Tändelns, Lauerns und Taumelns, der Anziehung und Abstoßung.“ (Peter von Becker)

1989 – „Die Zeit und das Zimmer“ von Botho Strauß (Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)

„Und wie sie krabbeln, sich kabbeln in der Beziehungskiste. Es surrt, schnurrt ab. […] ‚Die Zeit und das Zimmer‘ – kein Stationendrama wie ‚Groß und klein‘, sondern ein Situationspotpourri. Bondy hat Straußens Pointillismus immer auf die szenische Pointe gebracht: intelligente Unterhaltung, bei der man sich nie nachträglich des Lachens schämt. Und wieder ein Schauspielerfest.“ (Michael Merschmeier)

1986 – „Triumph der Liebe“ von Pierre Carlet de Marivaux (Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)

„Auf den deutschen Theatern der laufenden Saison machen die Menschen alles auf eine erschreckende Art richtig. Manchmal sind sie mit richtigen Menschen kaum mehr zu verwechseln. […] Luc Bondy dagegen feiert den Triumph der Lüge. Seine Wahrheiten sind unmöglich. Und deshalb weiß er (und wissen wir), wozu man das Theater braucht.“ (Gerhard Stadelmaier)

1983 – „Kalldewey, Farce“ von Botho Strauß (Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)

„Luc Bondy hat als zärtlicher Textregisseur das Stück von Botho Strauß gegen die Eiseskälte in Schutz genommen. Seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne bläst der Wind nicht ins Gesicht, sondern er bläht ihr die schwarzen Segel. […] Unter dem zärtlichen Zugriff der Regie bricht der hermetische Strauß-Jargon auf, und die Figuren, die hervortreten, sind die Repräsentanten einer Schmerzensmenschheit wie eh und je. Das Experiment, könnte man sagen, sei gescheitert: die Abkapselung der Versuchsobjekte in den Sprechblasen. Aber dafür ist das Theater, das unseren Ängsten Luft macht, noch einmal davongekommen. So gut wie heil triumphiert es über die synthetische Apokalypse.“ (Sibylle Wirsing)

1981 – „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett (Schauspiel Köln)

„Die ernsthafteste Beckett-Interpretation ist das gewiss nicht; sie leistet sich mehr Schick und mehr Leichtfertigkeit, als das puritanische Libretto zugesteht. Sie sprengt seine Hermetik, indem sie mit ihr spielt – Leere, Einsamkeit, apokalyptische Wüstenei erscheinen zur bloßen Theaterkonvention ästhetisiert; nicht höheren oder tieferen Bedeutungen wird nachgespürt, sondern der Stofflichkeit, der Realität des Textes und der Figuren.“ (Urs Jenny)

1981 – „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ von Witold Gombrowicz (Schauspiel Köln)

„Luc Bondy hat an zwei aufeinanderfolgenden Abenden an zwei klassische Parabelstücke erinnert: Becketts ‚Glückliche Tage‘ (uraufgeführt 1961) und Witold Gombrowicz‘ ‚Yvonne, Prinzessin von Burgund‘ (erschienen 1935). Schon der Beckett-Abend zeigte Bondys Weg zu seiner triumphalen Gombrowicz-Inszenierung: Gegen die Verallgemeinerung der Parabel behauptet er die individuellen Details (Winnies Dialekt und ihr Bildungsniveau); gegen die Zeitlosigkeit der Parabel setzte er zeitgenössische Pointen (Willies Revueszene); gegen den didaktischen Charakter der Stücke bewahrte er sein Interesse am Erzählen von Geschichten, an Menschen statt an lebenden Beweisen. So sah man am Kölner Schauspielhaus Schauspieler nicht brillieren, nicht dozieren, sondern: spielen.“ (Helmut Schödel)

1978 – „Gespenster“ von Henrik Ibsen (Deutsches Schauspielhaus Hamburg)

„Luc Bondys leise, genaue, verdreht komische Inszenierung mogelt sich nicht an Ibsens Forderung nach einem ‚Familiendrama‘ vorbei. Er verharmlost das Stück nicht zur Tragödie. Er weiß, daß Familiendramen, von den Betroffenen als Trauerspiel erlebt, für unbeteiligte Zuschauer komisch sind.“

1976 – „Die Unbeständigkeit der Liebe“ von Pierre Carlet de Marivaux (Schauspiel Frankfurt)

„Das Schwierige an der Frankfurter Aufführung ist, daß sich jedes Problem des Regisseurs Bondy auch als inszenatorische Konsequenz interpretieren lässt. Also: Bondys Unentschlossenheit, von der Realität, auch der Gefühlsrealität der Figuren zu erzählen, sein Ausweichen in Arrangements, Pantomimen, Requisitenspiele als Beschreibung einer der Realität entfliehenden, aristokratisch-dekadenten Klasse; die Künstlichkeit und Kälte der Inszenierung als Abbild einer künstlichen, erkalteten Halbwelt; Bondys Schönheits- und Gebärdenkult als Kritik an den allzu schönen Gebärden.“ (Benjamin Henrichs)

1974 – „Die See“ von Edward Bond (Bayerisches Staatsschauspiel München)

„Die Aufführung ist auch deshalb bemerkenswert, weil das miese Stück in dieser außerordentlichen Inszenierung keineswegs besser erscheint, als es ist, und dennoch überzeugt die Szene in jeder Phase.“ (Heinrich Vormweg)

Alle zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen von Luc Bondy finden Sie auch in der Theatertreffen-Chronik.