Im Rahmen des Vermittlungsprogramms „Student Affairs“ besuchen rund 120 Studierende von zehn Hochschulen an zweimal vier Tagen das vielfältige Programm von Foreign Affairs 2015 an den Schnittstellen unterschiedlicher Kunstformen. Einige Teilnehmende teilen uns ihre Gedanken, Impressionen, Überlegungen im Berliner Festspiele Blog mit.

I Zeit als Tabu

In einer Gesellschaft des Wohlstandes wird Zeit paradoxerweise ein immer knapperes Gut, weil die Anzahl der Alternativen ihrer Verwendung steigt. Mit dem Schlagwort der Zeitökonomie geht folglich dasjenige der Aufmerksamkeitsökonomie einher – Empfehlungen dafür, was wir mit unserer Zeit anfangen, drängen sich zahlreich in unser Blickfeld und konkurrieren um unsere Gunst. Die schließlich gefällten Entscheidungen bewegen sich innerhalb dieses Systems, solange wir bestrebt sind, unsere Zeit „sinnvoll“, das heißt mit einem Nutzen zu verbringen.

In Zeiten der mit den Mitteln der Digitalisierung in Hochgeschwindigkeit voranschreitenden Optimierung ökonomischer und damit gesellschaftlicher Prozesse ist der Wert von Zeit unübersehbar. Der Algorithmus als Filter relevanter Informationen und Beschleuniger der Entscheidungsfindung scheint das Metrum der unaufhaltbaren Zeit überholen zu wollen, auszubremsen und damit das Credo zu verschärfen: Nutze deine Zeit.

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

Mit der Feststellung nun, Kunst vermöge es, uns aus diesen Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen, ein Vakuum innerhalb des Zeitregimes zu schaffen, steht man in einer langen Tradition Dostojewskis, Nietzsches, Batailles, oder, moderner, Carl Hegemanns und Hans-Thies Lehmanns. Letzterer relativiert im Hinblick auf die gängigen, ca. zweistündigen Zeitfenster für die Rezeption insbesondere darstellender Kunstformen: „Die Uniformität der Zeitdauer sorgt verlässlich dafür, dass ein Ereignis als echte „Widerfahrnis“, als mindestens partielles „Enteignis“ der Teilnehmer, als ein Ent-Setzen ihrer kulturell verfestigten Normen kaum stattfinden kann. Alles, mag es inhaltlich noch so sehr abweichen, wird von der Gewalt der Zeitstruktur aus Arbeit, Freizeit, Konsum (auch von Kultur) neutralisiert, eingewickelt, erstickt.“ Dieser Nivellierung der Kunsterfahrung in den ökonomisierten Alltag sagt eine Aufführung mit der Dauer von 24 Stunden den Kampf an. Das Vakuum dehnt sich aus, die Luftblase platzt, zum Raum wird hier die Zeit.

Wie also geht „Mount Olympus“ mit der Größe Zeit um? Sehr bald schon nach dem furiosen Beginn des Stückes wird klar, dass die Vereinbarung über ein Theatererlebnis dieses Ausmaßes seitens der Zuschauer vor allem Geduld beansprucht. Der Unmöglichkeit, dem Zuschauer die zahlreichen Mythen mit Anspruch auf Vollständigkeit vorzuspielen, begegnet Fabre gleichzeitig mit Reduktion und Ausdehnung. Reduktion insofern, als die Sagen auf wenige zentrale emotionale Momente oder entscheidende, destillierte Monologe eingestampft werden, die das Triebhafte ebenso nach außen kehren wie die zahlreich vorhandenen Revue-Nummern. Ausdehnung, da jene reduzierte und vermeintliche Essenz des Mythos über eine völlig theaterunübliche Dauer (aus)gehalten wird und so die 24 Stunden füllt. So kann es passieren, dass zwanzig Minuten lang geweintheultschluchzt oder Seilchen gesprungen wird. Das Dargestellte lässt sich hier mit Berücksichtigung des Selbstverständnisses Fabres als bildender Künstler vielleicht am besten als eine bewegte Skulptur verstehen, die sich (im Sinne Lessings) für den fruchtbaren Moment entscheidet. Seitens der Zuschauer kann emotionale Einfühlung über diese Dauer hinweg nicht stattfinden, die Aufmerksamkeit schweift unterfordert ab. Die Zeitökonomie (sowie das Instrumentarium zur Analyse) eines verdichteten und dramaturgisch runden Theaterabends hat hier keinen Platz, das Fesseln der Zuschauer als übliche Maxime übergibt an den Mut zur Langeweile. Langeweile als Chance der Aufmerksamkeitsverlagerung weg vom Dargestellten, vom Sinn, hin zum Sinnlichen, zum Darstellenden und nicht zuletzt auf sich selbst, der man als Zuschauer einer „durational performance“ mit der Eigenverantwortung ausgestattet wird, das Werk temporär und individuell zu unterbrechen und für den Moment Ausschau nach einem freien Feldbett zu halten.

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

II Scheitern am Scheitern

Wenn Fabre von seiner Pionierarbeit hinsichtlich „real action“ und „real time“ auf der Bühne spricht, wird deutlich, dass sein Augenmerk in erster Linie auf den Performern, ihren Körpern und Stimmen als dem „Material“ der Performance liegt. Die Tragödie griechischer Helden wird zur Tragödie des Körpers der Performer, die sich akrobatisch und konditionell verausgaben, wobei die trainierten Schauspieler und Tänzer immer Herr der Lage bleiben, auch dann – und das ist die Crux – wenn die Inszenierung ein Scheitern, ein Leiden der Körper vorsieht. Dann stöhnen sie plötzlich gespielt und stolpern mit Absicht, weshalb von „real action“ kaum die Rede sein kann. Als Zuschauer, der man die Dauer der einzelnen Szenen mit der Achtung vor Hochleistungssport und Zirkusnummern quittiert, fühlt man sich hier erstaunlich unbefriedigt. Der Reiz dessen, was anstelle einer produktiven Verdichtung treten sollte, verfliegt gerade deshalb, weil die Aufmerksamkeit auf das Darstellende und Sinnliche in letzter Konsequenz enttäuscht wird. Und so lautet der provokante, beinahe paradoxe Vorwurf, dass ausgerechnet diese 24-Stunden-Performance mit all ihren harmlosen Redundanzen faul daher kommt.

Die Inszenierung ist streng getaktet, am Rang zeigen Bildschirme auf beiden Seiten den Performern sekundengenau, wieviel Zeit ihre Szene bereits in Anspruch genommen hat. Wie in einem (beizeiten im doppelten Sinne) gut geölten Zahnradwerk greifen Auf- und Abtritte ineinander, in der Regel ohne dabei inhaltlich motiviert zu sein. Der Perfektion und Geschlossenheit des Bühnenwerkes steht die in Anbetracht der Dauer notwendige Durchlässigkeit des Zuschauerraums gegenüber, die Freiheit seiner Bevölkerer, die „Luftblase“ zu verlassen und später zurückzukehren. Womöglich aus der Sorge, den Zuschauer an das städtische Außen zu verlieren, baut das Foreign-Affairs-Festival einen kleinen Erlebnispark wie einen Sicherheitsgürtel um den Ort des Geschehens. Hier lassen sich im Foyer mythologische Stammbaumforscher ebenso konsultieren wie das delphische Orakel oder eine Mythenhotline. Ein Stück vom frisch gegrillten Schaf kostet sieben Euro, freien Nacherzählungen der Sagenstoffe durch Michael Köhlmeier für den Bayerischen Rundfunk kann man gratis lauschen, für den Eintritt in den Party-Hades wiederum zahlt man mit Schokotalern. Die emsige Mannschaft aus Helferinnen und Helfern bietet Zahnpasta und -bürsten an, heiße Waschlappen, Handtücher, Schlafsäcke sowie -masken. Den Spielort zu verlassen und plötzlich draußen zu stehen, die Möglichkeit eines „tieferen Dialog[s] mit der echten Zeit und den echten Räumen des Publikums“ (Tim Etchells) werden erschwert. Die Koexistenz einer 24-stündigen Performance mit anderen städtischen Realitäten eines Berliner Wochenendtages werden eher auszuklammern versucht, dabei hätten sich hier im Zuge der Reise zwischen den Welten interessante individuelle Erfahrungshorizonte auftun können – die außergewöhnliche Gewissheit der ununterbrochen fortlaufenden Performance hätte jeden Ausflug begleitet.

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

„Mount Olympus“ © Wonge Bergmann

Die konzeptionell beabsichtigte, verlockende Aussicht auf einen ganzen Tag gemeinsamer körperlicher Zerreißprobe von Performern und Publikum schwächelt am engen Korsett der Bühnen-Inszenierung einerseits und der gut gemeinten Hätschelei des Publikums andererseits. Als hätte es nicht wissen können, worauf es sich da beim Kartenkauf eingelassen hat. In beiden Fällen scheint das Korsett mit der Sorge um den Kontrollverlust geschnürt, wobei sich die Frage stellt, ob nicht gerade der Mut zum oder gar die Hoffnung auf einen Kontrollverlust bemerkenswertes Potenzial einer solchen Dauer-Performance sein kann. Gleichermaßen tritt hier das Paradoxon jeder Form eines Festes als gesellschaftlichem Ventil zum geregelten Ausleben von Emotionen zu Tage: Wahnsinn gerne, aber nur für eine begrenzte Dauer und bei Beachtung wichtiger Regeln. So geht am Ende alles erstaunlich glatt, das Publikum feiert sich und die Performer fürs Durchhalten und „Mount Olympus“ war zwar hinsichtlich seiner Dauer eine quantitative, kaum aber eine qualitative Grenzerfahrung im Theater. Als alle glaubten, es sei schon vorbei, und Dionysos in seinem Schlussmonolog die Macht der Madness feiert, wirkt das wie die Rechtfertigung dessen, was in den letzten 24 Stunden ohnehin nicht stattfand.

Stattdessen sei an dieser Stelle mit Blick auf die einführenden Überlegungen abschließend bemerkt, dass sich „Mount Olympus“ als streng getaktete, kontrollierte Ekstase geradezu hervorragend in den ökonomisierten Alltag eingliedern lässt. Als Teil einer um sich greifenden Erlebniskultur nämlich, die den Verlust der eigenen Zeit an die Arbeit möglichst produktiv zu kompensieren sucht und dabei selbst den Maximen „höher, schneller, weiter“ anheimfällt. Das aber ist „Mount Olympus“ allein nur schwer zum Vorwurf zu machen. Der Mut, Grenzen auszuloten, die Staunen machende Spielfreude der Performer sowie das Wertschätzen gleichzeitig simpler wie bestechender Funktionsprinzipien des Theaters haben in meinem Fall zu einer bereichernden Erfahrung mit produktiven Reibungsflächen geführt – „Mount Olympus“ hat außergewöhnlich lange gedauert und wird mir außergewöhnlich lange im Gedächtnis bleiben.

Jan Fabres 24-stündige Performance „Mount Olympus. to glorify the cult of tragedy (a 24H performance)“ fand vom 27. Juni, 16:00 Uhr bis zum 28. Juni, 16:00 Uhr im Rahmen von Foreign Affairs 2015 im Haus der Berliner Festspiele statt. Eine Dokumentation des einjährigen Probenprozesses und Interviews mit den Beteiligten finden Sie in unserem Film „Roads to Mount Olympus“.