„Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero dreht sich. Zero ist der Mond. Die Sonne ist Zero. Zero ist weiss. Die Wüste Zero. Der Himmel über Zero. Die Nacht –, Zero fließt. Das Auge Zero. Nabel. Mund. Kuß. Die Milch ist rund. Die Blume Zero der Vogel. Schweigend. Schwebend. Ich esse Zero, ich trinke Zero, ich schlafe Zero, ich wache Zero, ich liebe Zero. Zero ist schön, dynamo, dynamo, dynamo. Die Bäume im Frühling, der Schnee, Feuer, Wasser, Meer. Rot orange gelb grün indigo blau violett Zero Zero Regenbogen. 4 3 2 1 Zero. Gold und Silber, Schall und Rauch. Wanderzirkus Zero. Zero ist die Stille. Zero ist der Anfang. Zero ist rund. Zero ist Zero.“ – Manifest „ZERO der neue Idealismus“

ZERO ist 20:01 Uhr!

Weiß, überall. Als ich den Martin-Gropius-Bau durch den Haupteingang betrete – und nachdem ich die aufgrund der Ausstellung „Jahrhundertzeichen“ des Tel Aviv Museum of Art derzeit obligatorische Sicherheitskontrolle passiert habe – fällt sofort ins Auge, dass heute zur langen Performance-Nacht der ZERO-Ausstellung, etwas anders ist als sonst. Menschen ganz in weiß, Menschen teilweise in weiß, und Menschen mit überaus originellen weißen Notlösungen am Körper. Abendkleider neben Laborkitteln, Haarnetzen, Bademänteln – Hauptsache: weiß. Die Farbe gehört heute zum Konzept des Künstlers Günther Uecker, der mittels schummriger Beleuchtung und weißer Farbe allüberall ein neues Kunsterleben erreichen wollte. Auch ich habe ein rüschiges weißes Frackhemd aus den Tiefen meines Kleiderschranks hervorgekramt. Die Nacht kann beginnen.

ZERO ist 20:43 Uhr!

Eine halbe Stunde lang habe ich mich durch Foyer und Ausstellungsräume treiben lassen und die geschäftige Atmosphäre in mich aufgesogen. Inzwischen hat eine Art Konzert im großen Lichthof begonnen. Die drei Musiker des Kammerflimmer Kollektief entlocken ihren Instrumenten einen einzigen, lang anhaltenden Ton, auf eine große, runde Scheibe über unseren Köpfen werden psychedelische, bunte Lichtspiele projiziert. Noch ist es unruhig um mich herum – die Fähigkeit, sich auf Dauer und Entschleunigung einzulassen, das flächige statt des zugespitzten Erlebens zuzulassen – das muss sich im Laufe eines solchen, auf 12 Stunden ausgelegten Abends wohl allmählich entwickeln.

ZERO ist 21:17 Uhr!

Beim Betreten der Ausstellungsräume bemerke ich eine Stimme und eine kleine Menschentraube. Man trägt im Nachbarraum etwas vor. Neugierig trete ich hinzu und lasse mir von einer Dame in Weiß – die sich später als die Künstlerin Mary Bauermeister entpuppt – von der Zusammenarbeit mit Piene, Uecker & Co. erzählen. Vom Hungern und der Armut, auch – arm wie Kirchenmäuse seien sie gewesen, damals. Um uns herum viel monochrom – tausend Schattierungen von weiß. Später spielt sie etwas auf einer Art Didgeridoo. Als sie abtritt, schallen Klänge zu uns herüber. Zwei Zimmer entfernt die nächste Performance der Künstlerin Laurie Young, die zur Schlagzeugmusik von Johannes Malfatti vor Jesús Rafael Sotos wandfüllenden „Relations bleues, noires et argentées“ performt. Es ist brechend voll, ich trete wieder hinaus – diese Performance soll sich zu jeder vollen Stunde wiederholen. Beim nächsten Mal bin ich rechtzeitig dort.

ZERO ist 22:43 Uhr!

Monochrome Menschen tun monochrome Dinge. Manche dieser Dinge sind entweder sehr laut oder sehr leise. Die lauten Dinge sind raumgreifend, auf eindrucksvolle – und manchmal gar doppeldeutige – Weise: So eine ziemlich unfassbare Schlagzeugperformance, in der der Percussionist Lukas Ligeti zunächst den Eindruck erweckt, über zirka sechs Arme verfügen zu können. Und dann die einzelnen Bestandteile seines Schlagzeugs immer weiter in den Raum des Lichthofs hinein verrückt, während er manisch zwischen diesen hin- und herläuft. Lautlos dann eine stumme Massenchoreografie im Viereck. Was zu still ist, droht etwas unterzugehen hier – zu plauder- und feierfreudig scheinen Teile des Publikums, um jetzt schon die nötige Konzentration aufzubringen. Ich bin gespannt, wie sich die Geräuschkulisse verändert, wenn die Nacht anbricht.

ZERO ist 00:35 Uhr!

Eine orchestrale Performance von Yves Klein bildete einen Höhepunkt des Abends – noch so ein Meister des Monochromen, und, wie sich in seiner Komposition „Monoton Silence“ zeigt, nicht nur in der Malerei. Ein Dirigent und ein Streichorchester – zwanzig Minuten klingt ein einzelner Ton an. Und zwanzig Minuten danach: Stille. Das Publikum zeigt sich der Herausforderung, dem Schweigen nun ebenfalls mit Schweigen zu begegnen, einigermaßen gewachsen. Und dem Dirigenten Gerhardt Müller-Goldboom gelingt es, durch die Stille hindurch eine ungemeine Spannung zu halten. Ich filme das Konzert mit, aber es ist gar nicht so einfach, Stille und Schweigen auf Film zu bannen.

ZERO ist 01:45 Uhr!

Nach einem Glas Wein im Foyer betrete ich den Lichthof wieder – und einiges hat sich getan in der Zwischenzeit. Überall auf dem Boden sind weiße Matratzen mit weißen Kissen verteilt, zahlreiche Besucher haben sich bereits darauf niedergelassen. Genauer gesagt sind zunächst einmal alle belegt. Ich suche mir eine Bank am Rande und warte, während Klänge mal von nah, mal von fern in mein Ohr drängen. Bald wird eine Matratze frei. Ich bette mich und bin gespannt auf die Nacht.

ZERO ist 02:17 Uhr!

Ein weißer Mensch mit einem sehr großen weißen Zylinder hat mich zugedeckt. Ich muss zwischendurch kurz eingeschlafen sein. Es ist erstaunlich, wie gut es sich hier im Lichthof des Martin-Gropius-Bau zur Ruhe kommen lässt – man hätte auch fürchten können, die monumentale Architektur und die Weite des Lichthofs könnten bewirken, dass man sich darin verloren fühlt, in tiefer Nacht und schummerdunklem Licht. Aber nein, eine ungeheure Ruhe setzt ein. Die Besucher, die sich entschieden haben, bis zum Morgen zu bleiben, liegen still und friedlich.

ZERO ist 06:00 Uhr!

Wir werden wachgesungen. Der Chor der Kulturen der Welt unter der Leitung von Barbara Morgenstern beginnt zunächst leise im oberen Säulengang, steigert sich dann aber immer wieder zu beachtlichem Stimmvolumen. Er fragt: „Woher kommt das Licht? Kommt das Licht zum Auge? Kommt das Auge zum Licht?“

ZERO ist 06:23 Uhr!

Der Chor, der eben noch von oben her erklang, tritt nun zwischen uns in den Lichthof. Seine Mitglieder stellen sich zwischen den Matratzen auf und beginnen mit einer choreografischen, stillen Performance. Es ist dieselbe, die bereits gestern Abend erstmals stattfand. Während sie am Vorabend aber noch im fröhlich-lauten Hintergrundrauschen unterzugehen drohte, kommt sie nun im noch leicht schlaftrunkenen Ambiente voll zur Geltung. Und sie wird noch erweitert: Auf die sich nun drehende, riesige, runde Scheibe im Lichthof wird ein runder Lichtkreis projiziert. Eine artifizielle Sonne geht auf. Direkt neben meinem Kopf schaltet sich die Glühbirnenskulptur „Corona Borealis“ von Otto Piene ein – sie ist nicht nur sehr hell, sondern strahlt auch eine ungeheure Wärme aus.

ZERO ist 07:30 Uhr!

Der Morgen stand im Zeichen der Wiederholung: Was sich gestern noch zwischen Hundertschaften Gehör und Aufmerksamkeit erkämpfen musste, findet jetzt für ein kleines, gebanntes Publikum erneut statt. Und entfaltet eine völlig andere Wirkung. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, und man kann nicht zweimal dieselbe Performance anschauen. Etwas müde bin ich zwar, als ich durch die große Drehtür des Martin-Gropius-Bau auf die Niederkirchnerstraße hinaus trete, wo inzwischen auch die „echte“ Sonne wieder strahlt. Ich kaufe mir Brötchen und einen Morgenkaffee beim Bäcker und schreite mit dem überaus glückbringenden Gefühl in den Sonntagmorgen, dass meine Sinneswahrnehmung sich im Verlauf dieser langen Nacht und insbesondere dieses schönen Morgens geweitet hat.

Die Performance-Nacht fand vom 11. April 2015, 20:00 Uhr bis zum Morgen des 12. April, 08:00 Uhr im Rahmen der ZERO-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau statt.