Im Rahmen des Vermittlungsprogramms „Student Affairs“ besuchen rund 120 Studierende von zehn Hochschulen an zweimal vier Tagen das vielfältige Programm von Foreign Affairs 2015 an den Schnittstellen unterschiedlicher Kunstformen. Einige Teilnehmende teilen uns ihre Gedanken, Impressionen, Überlegungen im Berliner Festspiele Blog mit.

© CC BY-SA 2.0, Foto: Maxim B.

Wer kennt das Gefühl nicht? Von dahinschweifender Zeit, zu wenig Zeit, rennender Zeit? Dem Verlust von Zeitempfinden und dem Gefühl von Zeitdruck? Ich fühle mich gehetzt, durch Äußeres beeinflusst, doch durch mich selbst herbeigeführt. Der Tag ist zu kurz. Für nichts bleibt genügend Zeit. Vierundzwanzig Stunden, um es allen und allem recht zu machen. Und am Ende des Tages doch das Gefühl zu verspüren, nicht alles geschafft zu haben. Die guten Vorsätze, die man hat, dann aber doch nicht alle umsetzt. Jeden Tag aufs Neue wundere ich mich und frage mich: Mensch, wo ist die Zeit geblieben?

Ich verstehe es nicht, oder ich will es nicht verstehen, denn ich möchte funktionieren, etwas schaffen, etwas leisten, machen, tun. Doch was ich verstanden habe, ist, dass es nicht in meiner Hand liegt, die Zeit zu steuern. Nicht die Schnelligkeit und auch nicht die Langsamkeit der Zeit, nicht den Verlauf der Zeit. Liegt es überhaupt an der Zeit oder an uns, der Gesellschaft, den Vorsätzen, den Vorstellungen und Anforderungen? Sind diese nicht gemäß unserer Möglichkeiten? Sind diese nicht gemäß unserer Kapazitäten, der uns zur Verfügung stehenden Zeit? Sind sie nicht zeitgemäß?

Ab und zu versuche ich den Strom zu durchbrechen und frage mich: wieso und wofür diese Hetzerei? Was ist der Grund für das Tempo der heutigen Zeit? Und was macht dieses Tempo mit uns? Der Soziologe Hartmut Rosa gibt dem Phänomen eine Bezeichnung: Er nennt es „soziale Beschleunigung“. Seine Beschleunigungstheorie verdeutlicht die Veränderung von Zeitstrukturen der Moderne anhand von drei sich bedingenden Dimensionen: technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels und Beschleunigung des Lebenstempos. Der Ausgangspunkt der sozialen Beschleunigung liegt in der technischen Beschleunigung. Diese zeigt sich vor allem in der Entwicklung von Techniken im 19. und 20. Jahrhundert. Damit ist hauptsächlich die Industrialisierung im 19. Jahrhundert gemeint, die als das entscheidende Ereignis in Bezug auf die Beschleunigung hauptsächlich der westlichen Welt gilt.

Die Eisenbahn als das Sinnbild gesteigerter Geschwindigkeit und erhöhter Mobilität erscheint nicht still und leise, sondern platzt herein. Die Menschen kommen schneller von Punkt A zu Punkt B. Sie verreisen. Nachrichten werden schneller vermittelt. Fahrpläne werden erstellt, wodurch Pünktlichkeit plötzlich eine größere Bedeutung bekommt. Die Wissenschaft erfährt Aufschwung. Es werden bahnbrechende Erfindungen gemacht, die die Auffassung von Zeit verändern. Nun kann man sie durch neue Messgeräte und Instrumente auf Nanosekunden genau berechnen. Das weltweite Zeitzonensystem wird eingeführt. Es werden massenhaft tragbare Uhren hergestellt und somit die Zeit in Form eines Schmuckstückes verbreitet. Die industrielle Revolution vervielfacht also die Geschwindigkeit in allen Bereichen menschlicher Erfahrungen. Diese technische Beschleunigung ist uns auch noch heute bekannt: Wir produzieren immer mehr Güter und Dienstleistungen in immer kürzerer Zeit. Das Auto ist schneller als das Fahrrad. Die E-Mail schneller als der Brief.

Technische Neuerungen führen zu einer Beschleunigung des Tempos des sozialen Wandels. Denn die Geschwindigkeit, mit der sich Neuerungen und Veränderungen durchsetzen, dringt in das Bewusstsein der Leute ein und verändert ihr Verhalten, ihre Wahrnehmung sowie ihren sozialen Erwartungshorizont. Menschen wechseln ihre Arbeitsstelle, ihre Lebenspartner, Wohnorte, Tageszeitungen, ihre Gewohnheiten in höherem Tempo als früher. Wir sind ungeheuer flexibel und finden immer weniger Verankerung in stabilen sozialen Beziehungen und immer weniger Kontinuität.

Aus der technischen Beschleunigung und dem Tempo des sozialen Wandels resultiert die Beschleunigung des Lebenstempos. Um mit ständigen Veränderungen Schritt zu halten, bedarf es der Erhöhung des eigenen Lebenstempos. Man versucht durch Handlungen der Überlagerungen und „Vergleichzeitigungen“ Zeit zu verkürzen. Durch „Fast Food“, „Speed-Dating“, „Power-Naps“ oder „Multitasking“, das heißt durch Verkürzung oder Verdichtung von Handlungsepisoden, wird Zeit gespart. Und dabei bemerkt man gar nicht die Ironie: Zeitknappheit entsteht nicht weil, sondern obwohl wir auf nahezu allen Gebieten des sozialen Lebens Zeit gewinnen. Trotz aller zeitsparenden Erfindungen haben wir heute weniger Zeit für uns selbst als je zuvor.

Der immer hektischere Gang des Lebens bringt allerlei krankmachende Eigenschaften mit sich, vor allem in Form von Überforderung und Überreizung. Aus der allgemeingesellschaftlichen Beschleunigung des sozialen Wandels mit einhergehendem beschleunigtem Lebenstempo folgt die Notwendigkeit sich anzupassen. Das Individuum muss mit der Veränderung der Gesellschaft mitgehen. Es entsteht ein stetiges Gefühl der „Getriebenheit“. Manch einer ist der Meinung, das große Missverständnis der Beschleunigungsgesellschaft sei es zu meinen, man könnte souverän über seine Zeit bestimmen. Doch wenn die ganze Gesellschaft beschleunigt, kann man nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpert man und fällt auf die Nase.

Das ist der Prozess, die Entwicklung, in der wir uns befinden. Hartmut Rosa trifft es ganz gut. Aber was bringt uns unsere Zeitkultur?

Durch diese soziale Beschleunigung und „Vergleichzeitigung“ der Handlungen verfügen wir über gesteigerte Entscheidungs- und Wahlmöglichkeiten sowie ein neues Verfügungsrecht über Zeit und Raum. Und wir genießen das Tempo ja auch, denn Beschleunigung und Flexibilisierung vermittelt uns ein Freiheits- und Glücksgefühl. Je mehr Optionen wir haben, desto mehr Erlebnisse sind möglich und umso reicher erscheint uns unser Leben.

Reich woran?

An Dingen, für die wir nicht mehr die Zeit finden, sie zu genießen?

Nur die Sehnsucht nach dem guten Leben kann einzig und allein die Motivation täglicher Mühen und Anstrengungen erklären. Die Motivation zu arbeiten, mehr Geld zu verdienen, sich auszubilden, besser zu werden, sich anzustrengen, herauszufordern. In diesem Wahn des Erreichen-Wollens dieses Zieles verlieren wir das Eigentliche aus den Augen und fokussieren uns viel zu stark auf den Weg dorthin. Dabei bemerken wir nicht, dass wir vielleicht schon längst zufrieden sein können. Man hat das gute Leben schon erreicht, doch strebt stets nach dem besseren. Das gute Leben ist kein Moment, sondern hier und jetzt. Und das wirklich gute Leben braucht Zeit und viele verschiedene gelebte Zeitformen.

Also, nimm dir die Zeit, ich weiß, es ist nicht leicht, und genieß dein gutes Leben.

Joline Rosado studiert an der Leuphana Universität in Lüneburg und nimmt an Student Affairs 2015 beim Festival Foreign Affairs teil.